Günter Gaus

Günter Gaus führte Gespräche, die heutzutage wie ein Relikt aus einer fantastischen, entfernten Zeit zu sein scheinen. Traurig, aber wahr!

Was ist nur aus dem Fernsehjournalismus geworden? Diese Frage scheinen sich inzwischen immer mehr Menschen zu stellen, und das zurecht. Ein Blick in die Vergangenheit verrät, was das Fernsehen alles könnte, wenn es nur wollte. Das bemängelte 2008 auch der Literaturkritiker, Buchautor und Publizist Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) in einer Rede, in der er den “Deutschen Fernsehpreis” ablehnte:

Ich nehme diesen Preis nicht an! […] Ich kann nur diesen Gegenstand, der hier verschiedenen Leuten überreicht wurde, von mir werfen oder jemanden vor die Füße werfen. Ich kann das nicht annehmen! Und ich finde es auch schlimm, dass ich hier viele Stunden das erleben musste. Es gibt ja Abende, die man ganz schön erlebt. […] Man kann im arte-Programm manchmal sehr schöne, wichtige Sachen sehen. Ich habe auch früher häufig Wichtiges im 3sat-Programm gesehen, aber das hat sich jetzt geändert. Meist kommen schwache Sachen, aber nicht der Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.

Die pure Arroganz eines Intellektuellen möchte manch einer meinen. In Anbetracht des heutigen Fernsehprogramms jedoch harte Realität! Qualitativ hochwertiges und anspruchsvolles Fernsehen, wie es einst der Journalist Günter Gaus (1929-2004) mitgestaltete, ist längst kein Thema mehr.

Stattdessen Talkshows, die kaum mehr Zeit für das fundierte Wissen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen finden und lieber das pseudointellektuelle Geschwafel von vermeintlich interessanten Persönlichkeiten suchen. Immerhin: Das versteht wenigstens jeder. Es kommt eben auf die Einschaltquoten an. Interviews, wie sie hingegen Günter Gaus in der Reihe “Zur Person” mit Gestalten wie Hannah Arendt, Rudi Dutschke oder Günter Grass führte, sind nicht mehr Teil des Programms. Die Gespräche, die der Zuschauer hier zu sehen bekam und sich auf YouTube nach wie vor anschauen kann, sind tiefgreifend, anspruchsvoll und bieten vor allem einen Mehrwert. Sie zeigen die Komplexität des Weltgeschehens, bringen Einsicht und werfen Fragen auf, die es nicht innerhalb von einer Dreiviertelstunde zu beantworten gilt.

© Günter Prust

Günter Gaus führte am 10. März 1963 für das ZDF sein erstes Interview mit dem zur damaligen Zeit ernannten Wirtschaftsminister und Vizekanzler Ludwig Erhard. Es sollten zweihundertvierundvierzig weitere Gespräche folgen, die dem Zuschauer so einiges abverlangten, aber auch der schieren Verblödung eines Großteils der Gesellschaft etwas entgegensetzten. Dieses Land braucht einen neuen Günter Gaus, der sich auf eben jene unvergleichliche Weise mit den wichtigen und interessanten Persönlichkeiten dieses Landes auseinandersetzt, die derzeit viel zu wenig oder gar nicht gehört werden.

Bildquelle:
Pexels/Rene Asmussen
Günter Prust
: Günter Gaus als Gast des Literarischen Colloquium Berlin-Wannsee am 8. April 1994 (This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.)

Von Sarah