Train your baby like a dog

Unglaublich, was man alles verpasst, wenn man keinen Fernseher besitzt. Musste ich doch vor wenigen Tagen feststellen, dass RTL eine Sendung ausstrahlte, in der Kinder wie Hunde trainiert werden.

Kinder wie einen Hund trainieren

Aurea Verebes hilft in dem TV-Format verzweifelten Eltern mithilfe von Klickern, Markerworten und Belohnungen, Kindern ein gewünschtes Verhalten anzutrainieren. Bei der Frau handelt es sich jedoch um keine Sozialpädagogin oder Erziehungswissenschaftlerin. Aurea Verebes ist Buchautorin und betreibt eine eigene Website, auf der sie angibt, vor einigen Jahren eine Ausbildung zur Hundetrainerin an der Akademie für Tierheilkunde (ATM) erfolgreich absolviert zu haben. Laut aktuellen Angaben der Akademie bietet das „Leistungspaket der ATN Hundetrainer Ausbildung“ folgende Leistungen an: 20 Theorie-Lektionen, 10 Praxisseminare, Videoseminare sowie -Meetings, Praxisübungen in Form eines „Workbooks“, ein frei wählbares Zusatzseminar, einen Austausch im Schülerforum und einen regelmäßigen Austausch mit den Tutoren. Die Kosten für die Ausbildung werden laut der Akademie „separat berechnet“.

Außerdem macht die Hundetrainerin darauf aufmerksam, dass sie derzeit „an einem wissenschaftlichen Buch zum Thema Hundebiss und einem populärwissenschaftlichen Buch zum Thema Menschen- und Hundetraining” arbeite. Nach einem akademischen Abschluss, der rechtfertigen könnte, dass hier von wissenschaftlichen Arbeiten die Rede ist, sucht man jedoch vergebens.

Konditionierung von Kindern trifft auf Kritik

Was sich nach Hundeerziehung anhört, wird hier auf die kleinen Mitbewohner unserer Erde übertragen. Mithilfe eines Klickers soll erwünschtes Verhalten verstärkt werden. Machen die Kids etwas richtig, dann gib es einen Klick sowie eine leckere Belohnung. Das soll schließlich zu einer dauerhaften Wiederholung eines gewünschten Verhaltens führen. Das mag dem ein oder anderen bekannt vorkommen und an das assoziative Lernen (associative learning) – insbesondere an die klassische Konditionierung nach Pawlow – erinnern.

Assoziatives Lernen (associative learning)

Lernen, dass bestimmte Ereignisse zusammen auftreten. Bei den Ereignissen kann es sich (in der klassischen Konditionierung) um zwei Reize oder (in der operanten Konditionierung) um eine Reaktion und ihre Konsequenzen handeln.
(Meyers, David G., Meyers Psychologie. Springer 2008)

Assoziatives Lernen (associative learning)

Lernen, dass bestimmte Ereignisse zusammen auftreten. Bei den Ereignissen kann es sich (in der klassischen Konditionierung) um zwei Reize oder (in der operanten Konditionierung) um eine Reaktion und ihre Konsequenzen handeln.
(Meyers, David G., Meyers Psychologie. Springer 2008)

Dass dennoch die Vermutung naheliegt, dass die Erziehung von Kindern wesentlich komplexer als beim Tier ist, scheint in dem Format eine untergeordnete Rolle zu spielen. Zudem fehlt meines Erachtens in diesem Kontext jegliche Nähe und Emotionalität. Selbst bei der Hundeerziehung kann problemlos auf einen Klicker verzichtet und auf natürliche Emotionen gesetzt werden.

Die Hundetrainerin und Mutter schreibt laut dem YouTube-Kanal Simplicissimus zum Thema „Konditionierung“, dass diese „ein Grundprinzip des Lebens“ sei: „[S]o wie ich das Atmen nicht überholen kann, kann ich das Konditionieren nicht überholen“. Dass dennoch Gründe dafür sprechen könnten, dass zwischen einer Kinder- und Hundeerziehung differenziert werden sollte, wird auch in dieser Nachricht scheinbar nicht angesprochen. Und auch RTL habe laut des Kanals geschrieben, dass sich die Methode allein auf die Erfahrungen in der Hundeerziehung stützen würde.

Natürlich erfuhr die Sendung viel Kritik. So schrieb der Spiegel im Januar, dass zahlreiche Beschwerden bei der niedersächsischen Landesmedienanstalt eingegangen wären. Und auch die ehemalige Super Nanny Katia Saalfrank äußerte Kritik an dem Konzept:

Wenn du mir schon eine Weile hier folgst und mich und meine Pädagogik kennst, weiß du, dass ich die BEziehung in den Mittelpunkt rücke, statt ERziehung zu betreiben.

Belohnungen und andere verhaltenspädagogische Maßnahmen und Programme kommen oft so harmlos daher und geben uns Eltern das Gefühl, dass wir Kinder so ganz problemlos lenken und an unsere Vorstellungen anpassen können. Dabei sind diese Methoden manipulierend, entwicklungshemmend, werden sie über längere Zeit angewandt wirken sie sogar auch langfristig beeinträchtigend auf die Entwicklung der Kinder, denn:

Die Selbstregulation ist eine der wichtigsten Funktionen in unserem Leben. Sie entsteht in den ersten drei Lebensjahren und wir erlernen unterschiedliche Strategien der Regulation durch die gesamte Kindheit und Jugend hindurch. Wie gut wir diese Fähigkeit jedoch entwickeln können, hängt von der Qualität von Bindung und Kontakt mit unseren Bindungs- und Bezugspersonen ab. Durch das Manipulieren über Belohnungen und Verstärkern, stellt sich langfristig eine Dysregulation des emotionalen Systems ein, die sich schädlich auswirkt.

Katia Saalfrank (27. Januar 2021): Facebook

Beleidigungen und Drohungen sind in keiner Weise zu rechtfertigen!

Dieser Beitrag bezieht sich auf verschiedene Quellen. Dazu zählt auch das Video des Kanals Simplicissimus, das am 03.02 veröffentlicht wurde (YouTube). Die Urheber machten jedoch wenige Tage später in einer neuen Aufnahme darauf aufmerksam, dass die Protagonistin Aurea Verebes nach der Herausgabe einen großen Shitstorm erfahren musste. Beleidigungen und Drohungen sind in keiner Weise zu rechtfertigen und sollten in jedem Falle unterlassen werden!

Von Sarah