Frontal_

Frontal_ thematisiert in einem Beitrag, der vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, den Einfluss, den die rechte Szene auf die Gaming-Kultur ausübt. Das Journalisten-Team erntete viel Kritik.

Beitrag von Frontal_: Titel lässt falsche Schlüsse zu

Bevor man den Beitrag gesehen hat, zeigt sich ein erstes Problem: der Titel. “Wie Rechte die Gaming-Kultur unterwandern“, so nennt sich der Film, der Aufschluss darüber bieten soll, ob Personen des rechtspolitischen Spektrums die Gaming-Szene zunehmend für sich vereinnahmen. Für das Journalisten-Team scheinbar eine problematische Vorstellung.

Allerdings sind bereits die Begriffe “Rechte” und “Gaming-Kultur” sehr undifferenziert und lassen falsche Schlüsse zu. Seit vielen Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem rechtspolitischen Spektrum und machen immer wieder darauf aufmerksam, dass man in diesem Kontext keinesfalls von einer homogenen Gruppe sprechen kann. Allein die rechtsextreme Szene lässt sich in viele Bewegungen mit verschiedenen Ansichten und Interessen gliedern. Leider ist dieser Beitrag nicht der einzige, bei dem der Eindruck erweckt wird, man könnte alle rechtspolitisch eingestellten Menschen über einen Kamm scheren. Die Konsequenz: Es entsteht der Eindruck, dass jeder Rechte antidemokratisch und im höchsten Maße fremdenfeindlich, frauenverachtend und homophob wäre. Dabei meint man hier mitnichten die gesamte Rechte, sondern konzentriert sich vor allem auf Bewegungen aus dem rechtsradikalen und rechtsextremen Spektrum. Immer wieder findet man in journalistischen Arbeiten und im Netz völlig undifferenzierte Darstellungen, die dazu beitragen, dass Worte wie “Nazi”, “Rechtsextremismus” oder “Faschist” durch ihren inflationären Gebrauch an Bedeutung verlieren.

Zudem wird in diesem Kontext von der “Gaming-Kultur” gesprochen. Die Frage, die jedoch unbeantwortet bleibt: Wer gehört eigentlich zu dieser Kultur? In Anbetracht dessen, dass laut einer aktuellen Umfrage etwa 46 Prozent der Deutschen Video- und Computerspiele spielen, scheint es doch sehr naheliegend, dass sich hierunter auch Personen befinden, die dem rechtspolitischen Spektrum zuzuordnen sind.

Bereits im letzten Jahr beschäftigten sich der Kanal “Space Gaming” mit der Thematik:

“Heimat Defender Rebellion”: Ein gutes Beispiel?

Ein Beispiel, das dazu dienen soll, die im Titel genannte These zu belegen, ist das Jump-&-Run-Game “Heimat Defender Rebellion”. Spielcharaktere sind Personen, die unter anderem Mitglied der Identitären Bewegung sind. Laut dem Verfassungsschutz darf die Bewegung als “gesichert rechtsextrem” eingestuft werden. Zu den Spielcharakteren zählen Alex Malenki (Alexander Kleine) und Martin Sellner, der Sprecher der Identitären Bewegung Österreich. Zudem sind in dem Spiel Personen wie Martin Lichtmesz und Björn Höcke anzutreffen. Das Spiel wird mit folgender Story eingeleitet:

“Es ist das Jahr 2084. Ganz Europa befindet sich unter dem Joch der Globohomo Corp., dem “Konzern für globale Homogenisierung”. An der Spitze des zwielichtigen Unternehmens stehen die Technokraten, eine Kaste von Cyber-Globalisten. Sie haben beinahe jeden Einwohner Europas zu willenlosen Konsumenten, sogenannten NPCs transformiert, deren Gedanken sie von der Globohomo-Zentrale in den Lüften steuern. Es scheint alles verloren. Doch eine eingeschworene Truppe leistet in den Metropolen des ehemaligen Deutschlands weiterhin Widerstand. Bislang konnte das Regime ihrer noch nicht habhaft werden. Die mutigen Krieger haben bei ihren Forschungen eine Zwischendimension entdeckt. […]”

Krieger und gleichzeitig Retter sind unter anderem eben jene genannten Charaktere. Feinde, die es in dem Spiel zu bekämpfen gilt, sind unter anderem Oliver Welke, Jan Böhmermann sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dass im Kontext dieses Beitrags auf solch ein Spiel aufmerksam gemacht wird, ist durchaus nachvollziehbar und sinnvoll. Dass es sich hierbei jedoch um eine Seltenheit handelt, wird nicht erwähnt.

Gamergate: MontanaBlack wird zum Frauenhasser erklärt

Nach der Thematisierung des rechtsextremen Spiels “Heimat Defender: Rebellion” geht das Journalisten-Team auf die Gamergate-Bewegung ein, deren Ursprung in der Veröffentlichung einer Affäre zwischen der Spieleentwicklerin Zoe Quinn und dem Gaming-Journalisten Nathan Grayson liegt. Der Vorwurf: Spiele-Journalisten würden ihre Rezensionen von Liebesgeschichten abhängig machen und seien käuflich. Die Debatte erhielt insbesondere im Netz unter dem #gamergate große Aufmerksamkeit.

Der Ton radikalisierte sich, nachdem die Feministin und Medienkritikerin Anita Sarkeesian ein Video veröffentlichte, in dem sie auf den Sexismus in Videospielen hinwies. Vor allem Rechtsradikale, Rechtsextremisten, Antifeministen und Trolle konnten hier ihrer Wut freien Lauf lassen, Gleichgesinnte treffen und nach potenziellen neuen Anhängern suchen. Vor allem viele Gamerinnen und Spieleentwicklerinnen fielen den Beleidigungen und Drohungen zum Opfer.

Das Thema um #gamergate nutzt frontal_ schließlich, um auf den Streamer MontanaBlack aufmerksam zu machen, der bereits mehrfach wegen einiger getätigter Aussagen in der Vergangenheit Kritik erntete. Den Streamer jedoch in einem Kontext zu zeigen, in dem es um eine Bewegung geht, die durch Rechtsradikale und Frauenhasser beeinflusst wird, ist völlig überzogen. Frontal_ führt folgendes Zitat des Streamers an: “Wenn ich eins gelernt habe, dann ist es Folgendes: Frauen sind wie Hunde und das meine ich nicht abwertend.

Natürlich handelt es sich hierbei um einen höchst ungünstig gewählten Vergleich, der durchaus kritisiert werden kann. Ein Frauenhasser ist man deshalb aber noch lange nicht.

Schaut man den gesamten Ausschnitt des Streams, so kann die Metapher jedoch auch anders interpretiert werden. Unterdrücke nicht deine Partnerin und respektiere ihren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. In anderen Streams macht er außerdem deutlich, dass er aus der Sicht eines heterosexuellen Mannes spricht. Gesagtes kann ebenfalls auf Männer bezogen werden:

Ich will mich da kurz noch mal wiederholen, damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich rede die ganze Zeit über Frauen, aber was ich über Frauen sage, wie die sind, wie die sein können, gilt genauso für Männer.

YouTube: Richtiger Kevin: Schon mal FREMDGEGANGEN? 🤔 Beziehungen & Fremdgehen REALTALK! 😅 MontanaBlack Realtalk (6:25 min)

Auch der YouTuber KuchenTV greift das Thema auf und zeigt einen Ausschnitt, in dem MontanaBlack äußert:

Wir leben nicht mehr in einer Neandertalerzeit. Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber Frauen haben auch Rechte. Frauen können machen, was sie wollen. Frauen sind selbstständig!

Youtube: KuchenTV: Wie Frontal21 und ZDF gegen die Gamer Kultur und Monte hetzt (8:50 min)

Klingt meiner Meinung nach so gar nicht nach Frauenhass oder einer frauenverachtenden Einstellung, wie sie ihm das Journalistenteam vorwürft. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass man eine zu Beginn gestellte These belegen will und hierfür einen sehr einflussreichen Streamer mit Frauenhass und Rechtsradikalität in Verbindung bringt, um somit aufzuzeigen, dass die Gaming-Kultur wesentlich problematischer ist, als bisher dargelegt und wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte.

Rechtsextremer Terror: Der Beitrag von Frontal_ spricht auch Wichtiges an

Trotz all der Kritik sollte nicht ignoriert werden, dass man in dem Video auf einen wichtigen Punkt aufmerksam macht: Das Netz, worunter auch das Online-Gaming fällt, trägt dazu bei, dass sich Rechtsextreme untereinander vernetzen und austauschen können. Diese Tatsache sollte nicht unterschätzt und ignoriert werden. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Gaming-Kultur per se kein Problem mit Nazis habe, aber einzelne Gaming-Subkulturen betroffen seien. Warum man diesen Aspekt nicht in den Vordergrund rückt, bleibt jedoch fraglich.

Ein Beispiel, das in diesem Kontext genannt wird, ist Stephan Balliet, der Attentäter von Halle. Der Mann ermordete zwei Menschen und versuchte, in eine Synagoge einzudringen, was ihm glücklicherweise nicht gelang. Während seines Prozesses stellte man fest, dass sich der 28-Jährige online radikalisierte. Er spielte viele Stunden Ego-Shooter und hinterließ eine Art Spielanleitung, die der Nachahmung dienen sollte. Diese veröffentlichte er schließlich im Netz. Es ist wenig überraschend, dass sich auch Rechtsextreme in der Gaming-Szene aufhalten, allerdings sollten die Darstellungen über diese Problematik wesentlich detaillierter und differenzierter ausfallen, als es in diesem Beitrag der Fall war.

Von Sarah